Eine WM, die immer schlimmer wird – schade!

#OneLove-Armbinde, Weltmeisterschaft Qatar

Qatar, was machst du? Fifa, geht’s noch? Spieler des Westens, wie lebt es sich so ganz ohne Rückgrat? Es trifft mich so! Vor etlichen Jahren war Qatar über 10 Jahre lang wie ein bisschen wie ein zweites Zuhause für mich. Es ist herzzerreißend zu sehen, dass die WM eine verpasste Chance ist. Als westliche Frau, die zu Besuch ist und urlaubt, ließ es sich in Qatar (eigentlich Katar) immer mehr als gut aushalten. Allerdings: Berührungspunkte mit Qataris gibt es kaum, mit Qatari-Frauen 0. In Kontakt kommt man mit anderen „westlichen“ Menschen.

Souq, Corniche, Sonne

Wie schön auf dem Souq, wie faszinierend die Malls mit Kino, Foodcourt, Geschäften und so vielen unterschiedlichen Menschen. Wie impressive, die kunstvoll beleuchteten Wolkenkratzer. Wie willkommen die Sonne, wenn mich hier der monatelange Mangel an Sonnenlicht in gefährliche Nähe zur Depression brachte. Und jetzt? Mit allem, was ich aus der Ferne viel besser sehen kann, werd‘ ich wohl nie in echt erleben, wie toll die Metro geworden ist, wie schön es noch immer auf dem Souk ist, wie es dort nach allen Gewürzen, die man sich vorstellen kann, riecht. Die Spielplätze, die vorallem nach Sonnenuntergang frequentiert werden. Oh, und die DVDs, die wir mit den Kids auf Englisch ansahen – ja damals sahen wir noch DVDs, in einer Zeit vor den Streaming-Diensten.

Zu schnell entwickelt?

Qatar hat sich so schnell entwickelt. Zu schnell, sagen viele. Das finde ich nicht. Wenn man die Geschwindigkeit der Entwicklung ansieht, frage ich mich eher, wieso aufhören? Vielleicht weil es eh allen – auch der restlichen heuchlerischen Welt – egal ist. Ganz besonders wenn es um Frauenrechte oder um Freiheitsrechte für Meschen geht, die ganz einfach als „Minderheit“ bezeichnet und verdrängt werden. Betreffen Menschenrechte denn nicht alle Menschen? Hören Menschenrechte dort auf, wo ich sie nicht brauche? Bitte nicht!

Schade um alles!

Die WM war/ist so wichtig für Qatar. Die Fifa hätte so gut wie alles reinverhandeln können – Menschenrechte zum Beispiel. Am Ende des Tages hat Geld gereicht. Wie ernüchternd, fast langweilig. Und jetzt? Jetzt ist die WM eine Shitshow und sie wird täglich noch shittier. Zuschauer:innen, die beim Auftaktspiel in der Halbzeit das Stadion verlassen, Angehörige der LGBTIQ-Community sind nun doch nicht so willkommen, wie es noch im Vorfeld hieß, jedenfalls nicht mit einem Regenbogen auf dem T-Shirt. Das Alkoholverbot, das doch nicht so gelockert wurde, wie angekündigt, erregt mehr Aufsehen, als das Damen-Team, das zwar Bedingung für eine Bewerbung um die WM war, nach der Vergabe aber keine nennenswerten Spiele mehr bestritt. Schade um alles. Schade um die Bestrebungen und die Verbesserungen im Arbeitsrecht, die es in den letzten Jahren durchaus gegeben hat, allerdings soviel weitreichender hätten sein sollen. Und guess what, big Surprise: Das Gesetz für Domestic Workers – also Hausangestellte – ist trotz einiger Verbesserungen 2017 deutlich schwächer als das Gesetz für Arbeiter. Ebenso sind Arbeitsinspektionen auf Baustellen selbstverständlich zulässig, im häuslichen Bereich aber nicht vorgesehen, weil das „viel zu privat ist“. Was das für eine Maid/Haushälterin/Köchin/Putzfrau/Kinderbetreuuerin/Pflegerin bedeutet, kann man sich ausrechnen. 2022 im August trat für Domestic Workers sogar eine Verschlechterung in Kraft: die Probezeit wurde von 3 auf 9 Monate ausgeweitet. Heißt, der Arbeitgeber kann die Arbeitskraft 9 Monate testen und ist er unzufrieden, kriegt er von der Vermittlungsagentur das Geld zurück, die Angestellte fällt aber um ihren „End of Service“-Bonus um.

#OneLove oder doch nur #OneLauch

Jetzt knicken auch noch die millionenschweren Spieler ein – mit samt ihren Fußballverbänden, die sich doch so solidarisch zeigen wollten – Stichwort #OneLove. Eher #OneLauch. Und wieder: Endet Solidarität dort, wo es Sanktionen zu befürchten gibt? Das ist genau das Gegenteil von Solidarität. Ist „Verrat“ ein zu starkes Wort? Ich denke nicht. Was für ein starkes Zeichen wäre es, genau jetzt dieses Zeichen der Solidarität am Arm zu tragen oder auf dem Shirt? Allesamt umgefallen. Was für eine Enttäuschung. Am Ende sind es die Sportkommentatorinnen Alex Rocks (BBC) und Claudia Neumann (ZDF), die sichtbar für #OneLove eintreten.

Die Fußball-Superstars knicken ein, weil die Fifa ihnen mit einer gelben Karte droht. Auf der anderen Seite weigern sich Männer aus dem Iran die Hymne zu singen – um eine Revolution, von Frauen angeführt, zu unterstützen – wohlwissend, dass sie sich und ihre Familien damit in große Gefahr bringen.

Was für eine Enttäuschung

Ich hätt mir so gewünscht, dass Qatar die WM zum Anlass nimmt, sich der Welt nicht nur modern und aufgeschlossen zu präsentieren, sondern sich dazu zu bekennen. Jetzt tun sie nicht mal mehr so. Stattdessen hört man: „Man muss sich halt an unsere Gesetze halten.“ Eh, wär halt schön, wenn sich diese Gesetze an den Menschenrechten orientieren würde, statt in direkten Konflikt mit ihnen zu treten.

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